Wir <3 das Buch und haben uns mit dem Autor unterhalten

Deutschland liefert Rüstungsgüter nach Algerien. In ein traumatisiertes Land mit einer Geschichte voller Gewalt und einer scheindemokratischen Regierung. Das ist ein zeitgeschichtlicher Fakt und ein Milliardengeschäft. Oliver Bottinis Roman „Ein paar Tage Licht“ beginnt im Stadion von Bologhine in Algier. Es ist 1995 – mitten in Zeiten des Bürgerkrieges – wo wir Djamel, einen der zentralen Charaktere des Krimis kennenlernen.  Es ist der Tag, der Djamels Leben für immer verändert. Hier könnt ihr im Hörbuch in die Szene reinhören:

Die Geschichte von „Ein paar Tage Licht“ um deutsche Waffenexporte nach Algerien, die Rollen von Rüstungsunternehmen, Politik und Diplomatie sowie die Bezüge auf den algerischen Befreiungskrieg der 1950er Jahre und den arabischen Vor-Frühling der späten 80er beginnt 17 Jahre später in Constantine mit der Entführung eines deutschen Waffenexporteurs. Oliver Bottini zeichnet neben der Hauptfigur, dem Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamtes an der deutschen Botschaft in Algier Ralf Eley, fünf weitere Charaktere, die mit ihrem Leben, ihrer Geschichte, Anteil haben an der Frage, warum exportiert die deutsche Regierung Waffen in nicht-demokratische Staaten und was passiert mit ihnen und durch sie am Beispiel Algeriens. Über diese und andere Fragen haben wir mit Oliver Bottini gesprochen, der sagt, dass seine eigene, ablehnende Haltung gegenüber Rüstungsexporten über das Schreiben seines neuesten Romans eindeutiger, klarer geworden sei. Waffenexporte, so Bottini, seien in seinen Augen Türöffner für andere Geschäfte mit anderen Staaten. Ob Öl oder Schiffe – die deutsche Außenwirtschaft sei nicht in erster Linie demokratisch.

Politische Zeitgeschichte spannend erzählt

Bottini widmet sich in seinen Kriminalromanen immer Themen der politischen Zeitgeschichte. Das macht sie so interessant. In seinen früheren Geschichten um die Kommissarin Louise Boni und in „Der kalte Traum“ ging es häufig um den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien. Jetzt sind es deutsche Rüstungsexporte nach Nordafrika. Die Geschichte und ihre Charaktere beleuchten die Konflikte, Abgründe und politischen Verbindungen aus unterschiedlichen Perspektiven. So sensibilisiert Bottini für politische Themen, die nicht auf der alltäglichen Agenda stehen und erzählt gleichzeitig einen Krimi. Einen, der nicht nur auf Spannung setzt, sondern gleichzeitig gut erzählte Literatur ist. Man spürt beim Lesen die Sonne Algeriens, den Würgegriff der Macht und die Zerissenheit der Charaktere.

Foto: Hans Scherhaufer

Foto: Hans Scherhaufer

Bottinis eigenes Interesse dafür, wie die Dinge so sind und warum überträgt sich beim Lesen. Die vielen Charaktere im Buch mögen anfangs verwirren, sie bereichern aber die Geschichte durch ihre ganz persönlichen Sichtweisen. Und auch wer vorher kaum etwas von Rüstungsexporten oder Algerien wusste, gerät schnell in den Bann der Geschichte mit ihren Verwicklungen von der Generation der Großväter bis zu den Enkeln.
Auch Oliver Bottini hat durch das Schreiben der Geschichte viel gelernt – über Algerien, seine Größe, seinen Reichtum, seinen Bürgerkrieg und die vielen Opfer. 150.000 Menschen sind gestorben – warum wissen wir das nicht? Kurzes betroffenes Innehalten. Bei seinen Lesungen lernt Bottini noch immer Hier kommen Menschen immer wieder Menschen auf ihn zu und erzählen von ihren Bürgerkriegserfahrungen. Oder sie schweigen darüber. Wie real ist diese Geschichte? „Ich recherchiere immer sehr genau und gerne auch direkt vor Ort. Letztes Jahr habe ich mehrere Tage in Algier verbracht und mich mit realen Personen getroffen, deren Arbeit und Erfahrung sich im Buch wiederfinden. Die ganze Geschichte basiert auf realen Fakten, die Figuren hingegen sind frei erfunden. Die Firmennamen sowieso, sie weisen jedoch Parallelen zu echten Firmen auf.“ Uns drängt sich der Gedanke auf, dass diese Geschichte viel mehr Bezüge in die Realität aufweist, als wir uns eigentlich wünschen würden.

„Es gibt in meinen Büchern viele Dinge, die mit mir zu tun haben … manchmal entdecke ich das erst hinterher“

Recherchieren, reden, lernen, verarbeiten – so kann man wohl den zweijährigen Schaffensprozess an „Ein paar Tage Licht“ zusammenfassen. Herausgekommen ist ein spannendes Buch, das uns begeistert. Am besten ist, dass es Bottini wieder einmal gelingt neben der Spannung auch über Hintergründe, Macht und Beziehungen zu erzählen. Er berichtet auch ein bisschen über sich selbst – was es mit dem 50-werden so auf sich hat, was ihn persönlich an Nordafrika fasziniert und dass ihn jetzt die Algerischen Filmfestspiele interessieren. Aber das alles ist noch einmal eine andere Geschichte…

„Ein paar Tage Licht“ von Oliver Bottini (512 Seiten, Hardcover, 19,99 Euro) ist im Dumont Buchverlag erhältlich. Das Hörbuch erscheint am 12.6. bei Audible.

 

Autorinnen: Mandy Schossig und Maren Heltsche

Mandy Schoßig lebt in Berlin und freut sich, dass Alt-Treptow manchmal etwas dörflich ist. Wenn sie nicht gerade mit einem Buch auf dem Sofa liegt oder beim Arbeiten versucht, die Welt zu retten, ist sie
am liebsten draußen.

Maren Heltsche ist Mitgründerin und Herausgeberin von ROSEGARDEN. Sie liest sehr gerne, aber in letzter Zeit viel zu wenig. „Ein paar Tage Licht“ hat sie innerhalb von 3 Tagen verschlungen. Mehr: about.me/maren.heltsche

 

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