Rose Foto KameraDie visuelle Künstlerin und ROSEGARDEN Bild-redakteurin Tabea Mathern will in einem Kunstprojekt Narben inszenieren. “Was mich an Narben fasziniert, ist ihre Einzigartigkeit – die ihrer Formen und Geschichten. Und ihre Existenz als die ständige Erinnerung daran, dass Heilung möglich ist.”, sagt sie. Im Januar wird das Ergebnis in einer Ausstellung in Bochum gezeigt. Wer seine eigenen Narben mal anders sehen will, kann mitmachen. Wir haben mit Tabea über sichtbare und unsichtbare Narben gesprochen.

 

Im Einsatz für schöne Kunst oder gutes Essen schneidest du dir regelmäßig mit Cuttern oder Messern in die Finger – Berufsrisiko. Hat du eine Lieblingsnarbe an dir?

Ich habe in der Tat schon einige Narben gesammelt, mein Umgang mit Werkzeugen ist oft recht… impulsiv. Müsste ich eine Lieblingsnarbe auswählen, wäre das jedoch eine andere: Die fast perfekt runde an meinem rechten Unterarm. Ich war 12, alleine zuhause und die Halogenlampe in meinem Kinderzimmer setzte den Vorhang in Brand, während ich in der Küche ahnungs- und erfolglos Pfannkuchen zu wenden versuchte. Das laute Geschrei meines Wellensittichs Lucky ließ mich in mein Zimmer eilen. Der blaue Stoff stand bereits in Flammen. Irgendwie blieb ich trotzdem ganz ruhig, zog mir Schuhe an, rettete den Vogel, riss den lodernden Stoff hinunter und trampelte darauf rum. So hatte ich es mal in irgendeinem Buch gelesen. Ein Stück geschmolzenes Plastik tropfte auf meinen Arm, brannte sich tief in meine Haut ein – so entstand die Narbe. Sonst ist nichts passiert, wofür ich sehr dankbar bin. Als Erwachsene bewundere ich den Mut, die kindliche Unerschrockenheit, die Ruhe, die ich in diesem Moment verspürte. Ein schöner Reminder.

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So sollen die inszenierten Narben einmal aussehen.

Sind Narben sexy?

Wenn man den Begriff des Sexappeals fernab von praller Brust, öligem Waschbrett und wippendem Hintern betrachtet, ihn wie ich als Gesamtpaket versteht, dann auf jeden Fall. Nichts ist unsexier als die Abwesenheit von Substanz, von Inhalt, von Geschichten. Narben erzählen vom Leben. Das finde ich absolut sexy.

Viele unserer Narben tragen wir im Herzen oder in der Seele. Schade, das man die nicht sieht oder besser so?

Nein, ich glaube, dass das gut ist. Geschichten, Gedanken, Wunden und Narben, innerlich wie äußerlich auch vor anderen verbergen zu können, ist essentiell und das Recht eines jeden Menschen. Wir brauchen Geheimnisse und geschützte Räume, entscheiden am besten selbst, wie viel wir wann und wie zeigen. Teilen ist wunderschön, aber es muss gewollt und man selbst bereit sein. Mein Projekt ist deshalb auch nicht als Aufruf zum totalen Blankziehen zu verstehen. Jede und Jeder ist Hüter der eigenen Geschichten. Vielmehr geht es mir darum dazu zu ermutigen, Narben einmal anders zu betrachten – vor anderen, vor sich selbst. Und Körperlichkeit zu hinterfragen, mit ihr zu experimentieren. Vielleicht ein bisschen mehr Frieden zu schließen. Oder aber auch neue Fragen aufzuwerfen. Wie weit der und die Einzelne dort geht, kann nur sie und er selbst entscheiden.

Mitmachen!

Eine Beschreibung des Projektes und eine Anleitung zum Einsenden der eigenen Narben findet ihr hier.

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Impulsiver Umgang mit Schneidewerkzeugen – Tabea Mathern in ihrem Studio.

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