Rose KurzgeschichteDer neue Erzählband von Haruki Murakami vertreibt nicht nur die Skepsis gegenüber Kurzgeschichten…

Kurzgeschichten sind ja eigentlich nicht so meins. Sie sind mir einfach zu kurz. Kaum haben sie begonnen, habe ich mich in Zeit und Raum orientiert und ihre Charaktere kennengelernt – schwupp ist die Geschichte auch schon wieder aus. Der Erzählband „Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami hat mich – glücklicherweise – eines besseren belehrt. Die kürzlich erschienene Sammlung vereint sieben Kurzgeschichten, von denen jede einzelne ein kleiner Roman für sich ist. Und zwar ein Murakami-Roman. Vielschichtig, phantastisch, rätselhaft und schlicht zugleich. Wie in „Mister Aufziehvogel“ oder „1Q84“ taucht man in jeder der sieben Stücke ein in die Leben verschiedener Menschen, sieht auf einen Ausschnitt ihres Seins – einen in dem sich scheinbar alles verdichtet und lässt sie am Ende wieder ziehen. Nichts fehlt, alles ist stimmig, Rätsel bleiben und doch wird so viel klar.

Wie der Titel nahe legt, sind Männer Dreh- und Angelpunkt der sieben Geschichten. Wie in vielen Murakami-Romanen. Aber Frauen sind nicht im eigentlichen Sinn abwesend, sie spielen doch eine zentrale Rolle für das Unglück der Protagonisten. Frauen sind in den Erzählungen wie auch in den Romanen des japanischen Schriftstellers Ursache für Verlust und Schmerz, aber auch die personifizierten Mittel zur Erlösung. Siebenmal erzählt Murakami von einsamen Menschen, einer Einsamkeit die man auch in sich selbst erspüren kann. Nicht immer und auch meistens nie. Aber manchmal eben doch…

 

„Schau nicht weg, schau hin, flüstert jemand in sein Ohr. Denn es ist dein Herz.“

 

Besonders berührt hat mich „Kinos Bar“. Erzählt wird die Geschichte eines nicht mehr ganz jungen Mannes, der sich, von seiner Frau betrogen, von ihr trennt, seinen Job kündigt und eine Bar eröffnet. Kinos Leben verläuft zwar in neuen Bahnen, aber ähnlich gleichförmig weiter wie zuvor, bis sich merkwürdige Ereignisse in seiner Bar abspielen. Katzen und Schlangen werden zu Vorboten eines Unglücks, vor dem er von einem seiner rätselhaften Stammgäste gewarnt wird. Kino verlässt die Stadt und beginnt, allein in einem „billigen Businesshotel am Bahnhof“ über sein Leben nachzudenken. Das Ende der Geschichte ist so schön, so unheimlich, so still und so traurig zugleich, dass es perfekter kaum sein kann.

Für Murakami-Fans und solche, die es noch werden wollen, ist „Von Männern, die keine Frauen haben“ ein Muss. Als Einstieg in die Welt des großen Erzählers aus Kyoto, der mit Worten die reale Welt ein kleines bisschen ver-rückt oder auch als kleiner Leckerbissen vor dem nächsten großen Roman.

9783832197810

Copyright: Dumont Buchverlag

 

„Von Männern, die keine Frauen haben“ von Haruki Murakami ist als Hardcover (254 Seiten, 19,99 Euro) im Dumont Buchverlag erschienen.

 

Titelfoto: © Markus Tedeskino, Agentur Focus. Haruki Murakami, Dumont Buchverlag

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