Rose KurzgeschichteAlles fing damit an, dass sein Projektleiter ihm einen verzweifelten Blick zuwarf, den Presseordner langsam auf den Tisch sinken ließ und einen Moment lang vergeblich nach den richtigen Worten suchte. Was er schließlich aussprach, war die reine, wenn auch nicht gerade schonende Wahrheit: „Anton, du bist langsamer als das Wachstum von Moos!“ Anton starrte trübselig auf den grauen Büroteppich und ahnte bereits, dass dies der letzte Presseordner war, den er in achteinhalb Stunden nicht einmal bis zur Hälfte bearbeitet hatte.

Viel mehr aber als die Tatsache, dass er wieder einmal versagt hatte, beschäftigten Anton seltsamerweise in den folgenden Tagen Gedanken über das Moos. Im Grunde genommen war er weder beleidigt, noch traurig, sondern hauptsächlich erleichtert, denn es hatte sich schon seit längerer Zeit ein Ausdruck in seinem Gehirn festgesetzt, der am treffendsten seine Lieblingstätigkeit umschrieb: Herummoosen. Natürlich ist das Herummoosen eine Tätigkeit, die von den meisten Menschen nicht als solche anerkannt wird. Aber da Anton mittlerweile recht entspannt war, was die Anerkennung seiner Mitmenschen betraf, konnte er auch darüber großmütig hinwegsehen. Denn Großmut, fand Anton, war eine der schönsten menschlichen Eigenschaften überhaupt. Wochenlang lief er verträumt durch die Gegend, mit Moos in den Taschen, Moos unter den Füßen, Moos im Kopf. Ganz weich war er, und doch robust. Er war empfindlich wie noch nie, nahm die feinsten Schwingungen seiner Umgebung seismographisch wahr und fühlte dennoch eine zähe Stärke in ihm, die ihn gegen alles wappnete. Kurzum, er fühlte sich herrlich. Es war, als hätte sein Ex-Projektleiter ihm mit der Bestätigung seiner mooshaften Existenz die Tür zu einer ganz neuen Welt, ja zu einer völlig neuen Bewusstseinsebene geöffnet.

Foto: Mario Storch

Foto: Mario Storch

Man konnte nicht wirklich behaupten, dass Anton sich gut mit Pflanzen auskannte. Der Biologieunterricht war längst in den Nebeln des Vergessens versunken und das harte Leben in einer Umgebung aus Beton hatte ein übriges getan. Draußen erkannte er Eichen, Birken und Kastanienbäume, außerdem noch Schneeglöcken und natürlich Rosen. Auf seinem Fensterbrett stand ein Kaktus. Über Moos wusste Anton nur, was er auch über sich selbst wusste: sie beide gab es schon eine ganze Weile und zum Leben brauchten sie nicht viel. Viel schlauer wird man bis zum Schluss nicht, auch wenn es einem zwischendurch immer wieder mal so vorkommt.

Früher hatten Anton manchmal düstere Gedanken geplagt, und er war der Meinung gewesen, dass er wohl besser nicht allzu lange leben sollte, weil es einfach nichts für ihn zu tun zu geben schien. So vieles hatte er schon ausprobiert, hatte sich hier und dort immer wieder angepasst, ohne große Mühe, aber auch ohne große Freude. Er war eben einfach da und tat irgendwelche Dinge, weil diese Welt nun mal so beschaffen ist und weil die meisten anderen Leute das schließlich auch tun. Im Grunde genommen war Anton jahrelang nichts weiter als Füllmaterial für irgendwelche seltsamen Arbeitsstellen gewesen, für die er nicht gerade nichts, aber auch nicht viel mehr erfüllen musste. Als dann aber diese Sache mit dem Moos passierte und er seine neue Bewusstseinsebene erreicht hatte, war ihm nach und nach aufgefallen, dass es so viel zu tun gab, dass keine… (hier weiterlesen)

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