Rose_GlueckEs kann passieren, dass man sehr spät nachts auf einer Party sitzt, auf der es schon sehr lange sehr laut ist, und plötzlich fängt Anna Banout an zu singen und alles wird ganz still. Dann stellt sich heraus, dass diese Stimme bloß ein Hobby und Anna Banout eigentlich Designerin ist. Glücklich sind die, die mit Talent nicht geizen müssen. Ein Gespräch über Identität, Kreation und Aktivismus.

Anna, eine Hälfte von dir ist syrisch, die andere polnisch. Viele deiner Arbeiten beschäftigen sich mit Fragen nach Identität. Glaubst du das Identität eine Sache ist, die sich immer weiterentwickelt?

Als Halb-Syrerin, die in Polen aufgewachsen ist, ist das Thema Identität schon mein ganzes Leben lang präsent. Wenn du dich niemals am richtigen Platz fühlst, stellst du die Dinge in Frage und dadurch entdeckst du deine Identität. Für mich ist kulturelle Herkunft eine extrem große Inspirationsquelle. Ich konnte das einfach nicht ignorieren beim Kreativsein. Identität ist aber auch eine dieser Sachen, die du nie ganz bewusst bemerkst, sie existiert einfach ganz natürlich. Es ist eher ein flüchtiges Gefühl, ein Mix von fernen Erinnerungen. Aber je mehr Zeit vergeht, desto bewusster wirst du dir der Sache. Also, in jedem Fall ein Prozess, der sich immer weiterentwickelt. Deine Identität wächst mir dir, sie verändert sich. Ich würde aber sagen, dass die Wurzel von allem eine Konstante ist. Das Herz deiner Identität ist tief in dir drinnen seit dem Tag, an dem du geboren wurdest.

Anna Banout mit von ihr gestaltetem Schmuck. Foto: Kinga Budnik

Du bist eine sehr talentierte Sängerin, hast dich aber für Design als deine künstlerische Stimme entschieden. Warum?

Musik und Singen waren schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Aber ich habe gemerkt, dass Design die künstlerische Sprache ist, die ich jeden Tag sprechen möchte. Singen ist für mich ein Hobby, aber wer weiß, was die Zukunft bringt?!

Seit wann arbeitest du als Designerin?

Offiziell habe ich 2011 angefangen als Designerin zu arbeiten. Aber ich glaube der Weg zur Designerin begann viel früher. Ich wusste immer, dass ich in der so genannten Kreativ-Industrie arbeiten will, aber ich hab auf den richtigen Moment gewartet. Zum Glück kam dieser Moment irgendwann und heute, fünf Jahre später, bin ich sehr froh, diese Wahl getroffen zu haben.

Aus der Parian Ware Jewellery Collection. Foto: Kinga Budnik.

Dein Projekt QANANI soll syrischen Frauen in Flüchtlingslagern helfen. Du hast unter anderem eine Lampe und einen Korb gestaltet, die aus leeren PET Flaschen gebaut werden können, die Flüchtlinge selber bauen können. Wie kamst du auf die Idee und wie entwickelt sich das Projekt?

Seit dem Beginn der Revolution in Syrien im Jahr 2011 fühlte ich den Drang einen Weg zu finden einen Beitrag zu leisten – wie so viele. Ich wollte diese neue Realität durch Kunst kommentieren und begann bereits 2012 mit ersten Projekten dazu. Mit der Zeit hat sich die Lage dramatisch verändert und dementsprechend auch die Bedürfnisse der Menschen. Mit QANANI habe ich Anfang 2015 begonnen. Ich will das Projekt über Workshops voranbringen, in denen ich die Technik weitergeben kann. QANANI soll syrischen Frauen in Flüchtlingslagern emotional und finanziell helfen. Aber so ein Projekt zu entwickeln dauert. Ich hatte erste Workshops dieses Jahr auf dem größten Design Festival in Polen, den Gdynia Design Days, und zum Glück entwickelt sich seitdem alles etwas schneller. Ich hoffe, QANANI wird schnell von einem Konzept zu einem realen Projekt. Ich würde gerne wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, um das Leben einzelner ein bisschen besser zu machen.

Anna’s QANANI Projekt. Design aus PET Flaschen.

Würdest du dich „Cultural Activist“ nennen?

Gemessen an der Zahl der Menschen, die sich „Cultural Activist“ nennen, weiß ich kaum noch was das eigentlich bedeuten soll. Es gibt so viele Dinge, die du in diese Kategorie stecken kannst. Wenn es beutetet dein Wissen und deine Erfahrung zu nutzen, um über bestimmte Themen zu sprechen und dabei zu helfen Probleme zu lösen, dann glaube ich, versuche ich einer zu sein.

Woran arbeitest du gerade und was bringt die Zukunft?

Momentan arbeite ich an meinem Master an der Kunsthochschule in Warschau und an kleineren Projekten. Leider kann ich dir nicht sagen, was es ist, denn was wäre Design ohne ein klein wenig Geheimnis?

1 Kommentar

  1. Lusru Antworten 9. November 2016 at 18:56

    Dazu meine ich
    „… und plötzlich fängt Anna Banout an zu singen und alles wird ganz still.“
    Es könnte sein, dass sie dazu nicht einmal singen muss, nur schauen muss: Anna ist schön, auf eine intelligent anmutige Weise, berührend.
    Und ich bin mir sicher, das singt alles mit – wenn sie singt, auch wenn nur als Hobby. Das soll beim „Designen“ immer so sein:
    Der ganze Mensch in seiner umfassenden Identität bringt sich kreativ ein, und wenn da etwas Syrisches und oder Polnisches dabei ist, geht auch das mit.

    Und ja:
    „Glücklich sind die, die mit Talent nicht geizen müssen.“
    Und ja:
    „Ein Gespräch über Identität, Kreation und Aktivismus.“ – oder doch nicht, noch nicht?

    Annas Ding mag die Kreativität sein, der Aktivismus, der dazu erforderlich ist.

    Mein Ding ist die Identität,
    und das aus „kreativer“ natürlicher und kultürlicher Sicht, weil:
    Identität ist sowohl Entität aus dem Bereich des unbelebten und belebten NATURlichen, wie auch aus dem Menschgemachten, dem KULTürlichen.

    Sicher sind wir uns einig, dass es ohne diese Identität keine Kreation und keinerlei Aktionismus gibt.
    Also fällt der Identität etwas Primäres dabei zu – nur was ist das?
    Anna meint:
    „Als Halb-Syrerin, die in Polen aufgewachsen ist, ist das Thema Identität schon mein ganzes Leben lang präsent. Wenn du dich niemals am richtigen Platz fühlst, stellst du die Dinge in Frage und dadurch entdeckst du deine Identität. Für mich ist kulturelle Herkunft eine extrem große Inspirationsquelle. Ich konnte das einfach nicht ignorieren“

    Was für eine klare und zugleich poetische Sicht auf Identität und ihre Quelle: Fragen, in Frage stellen, prüfen …

    In der Wikipedia klingt das so:
    „Identität (lateinisch īdem ‚derselbe‘, ĭdem ‚dasselbe‘) ist die GESAMTHEIT, die eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnet und als Individuum von allen anderen unterscheidenden Eigentümlichkeiten beschreibt. Analog wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Personen verwendet.“
    Oder auch
    „die Eigentümlichkeit eines Wesens“
    oder
    als Identität in der Logik: „das Prinzip der Ununterscheidbarkeit“

    Es geht dabei also stets um die Eigentümlichkeit eines (!) GANZEN, einer Entität, und um dessen UNTERSCHEIDUNG, besser: die UNTERSCHEIDBARKEIT, den UNTERSCHIED schlechthin, wobei das GANZE stets ein VERBUND seiner Teile ist, wobei jedes Teil erneut ein Verbund seiner Teile / Verbünde ist – was zu einer STRUKTUR führt, zur stets einmaligen Struktur der verbundenen Verbünde, der Ganzheit, die, einmal als UNTERSCHIEDe wahrgenommen, Zur INFORMATION wird.

    Das Einzigste, was wir wahrnehmen, messen, erfassen können, sind lediglich UNTERSCHIEDE (…im Vergleich zu vorher Fehlendem oder Bekanntem):
    Kein Unterschied – keine Wahrnehmung – keine Information – keine Struktur – kein Verbund – keine Identität – keine Ganzheit.

    Damit wird Struktur zur „Gesamtheit und Wechselwirkungen der Elemente eines Systems“ (das Fachwort für GANZHEIT) und so zur IDENTITÄT dieser Ganzheit, Struktur zur Information!
    (In der psychischen Instanz siehe Strukturmodell der Psyche)
    Damit sind erfasster Unterschied als Information, in der Gesamtheit als Struktur, die Identität des Systems, der Ganzheit und als solche Elemente der Allgemeinen Systemtheorie.

    Warum hier dieser unpoetische aber doch wohl immerhin auch kreative Diskurs?

    Weil ich z.B. allein an der Wahrnehmung des Ohrschmucks der Anna, am Blick auf ihrem Foto und am Text dieses Artikels Anna schon singen höre – noch ohne einen einzigen Ton….

    Identität, gewachsene, behauptet sich.

    Erst in der Anna, wo sie entsteht und geformt wird durch die Selbstwahrnehmung eines dynamischen weil lebendigen Systems und dort in permanenter Wahrnehmung und Vergleiche, also innerer Information und Veränderung unterliegt – sich selbst zur Identifikation im Inneren – aber auch für jede benachbarte Umgebung (andere Ganzheiten, Systeme) zur Wahrnehmung und Erkennung, zur Identifizierung dient, dienen muss, um, Nachbarschaft zu erdulden, wahrzunehmen und zu begrenzen, auch zu erhalten, und oder zu befördern wie es systemisch zur jeweiligen Identifikation oder deren Veränderung erforderlich ist.

    Was da der Autor singen hörte, was da designt wurde, ja, das war die auf NATürlicher und KULTürlicher Basis entstandene Identität der Anna Banout.
    Identität als Gesamteigenschaft und Wesen der Anna Banout.
    Wie Anna das poetisch formulierte:
    „Wenn du dich niemals am richtigen Platz fühlst, stellst du die Dinge in Frage und dadurch entdeckst du deine Identität. Für mich ist kulturelle Herkunft eine extrem große Inspirationsquelle. Ich konnte das einfach nicht ignorieren“

    Wie wichtig sind uns allen die jeweils einzelnen sich immer unterscheidenden Identitäten und die, die sich als die unserer Gruppen herausbilden?
    Wir kommen nicht umhin, sie zu hegen, zu pflegen, die Unterschiede in Vielfalt zu wahren und auf DIESE Weise für fühlbar „richtige Plätze“ und individuelle Inspirationsquellen zu sorgen, von klein auf, rundum.
    Wie Annas Projekt QANANI, das syrischen Frauen in Flüchtlingslagern helfen soll, zum „richtigen Platz“.

    Und ja, DAS kann man oder hier Anna selbstverständlich auch SINGEN, und hören, wahrnehmen, als Unterschied, den wir als Information über die dazugehörige Identität mitnehmen in uns.
    Und ja:
    Kein Unterschied – keine Information, für alle, die damit etwas Kreatives beginnen können, Identitäten hegen und pflegen, eigene und andere, und: Fragen, alles hinterfragen.

    Wenn das nun auch für all unsere Medien ausserhalb des rosegarden gleichermassen Prinzip wäre (Kein Unterschied – keine Information), hätten wir wohl eine etwas andere Identität, mit anderem Klang.

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